DIE LEUTE SIND DER ORT IST DIE LEUTE

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

Ich wollte immer eine Margo sein. Mysteriös. Und sagenumwoben. Mutig und schlagfertig. Bewundernswert. Ich wollte immer so sein wie sie. So angesehen werden wie sie.
Vielleicht ist mir das sogar gelungen. Oder vielleicht hat es John Green geschafft mein Lieblingsbuch zu schreiben, weil ich vorher schon so war und mich darin wieder gefunden habe? Ein Mädchen, das viel zu viel fühlt, um all’ das auszusprechen. Das Gewöhnliche verabscheuend, aber dennoch lebend. Gute Miene zum bösen Spiel. Viel zu viel Smalltalk – wohl wissend, dass mir das nichts bringt, dass ich anders bin, andere Geschichten erzählen und erzählt bekommen will.


Aber in einer Sache werden Margo und ich uns nie einig sein.
Sie will wurzellos sein. Denkt, wurzellos sein zu müssen – weil der Nährstoff fehlt, der Halt, die letzte Seite. „Die Leute sind der Ort ist die Leute“, sagt sie abwertend. Verachtend.
Wenn ich an irgendeinem Fenster im 10. Stock über Mannheim stehe oder ein weiteres Mal mit der Straßenbahn über die Brücken der Stadt fahre und mein Blick über die Häuser, den Neckar, die wunderschöne Silhouette der Stadt schweift, spüre ich tiefste Zufriedenheit. Und das beruhigt, beunruhigt mich. Aber es ist einfach so: während Mannheim für viele das Zentrum von Gewalt, Hass, Armut und dubiosen Bettelbanden geworden ist, so ist und bleibt diese Stadt meine zweite Heimat. Mein zu Hause. Und dieses Gefühl werde ich mir nicht nehmen lassen. Hoffentlich.


Die Leute sind … – ich kann es nicht genau sagen. Verbohrt? Ängstlich? Gegen jegliche Veränderung? Aber der Ort ist wunderbar.
Der Ort, das sind meine Erinnerungen. Mannheim ist meine Festung, mein Ruhepol. Für mich. Und obwohl der Großteil meiner Freunde schon längst ausgeflogen ist, so kann ich es mir nicht vorstellen, dieser Stadt jemals gänzlich den Rücken zu kehren. Aber das muss ich auch nicht. Denn ich weiß: ich kann jederzeit zurück kommen. Konstante. Bald möchte ich mal wieder meine meine Heimatstadt besuchen, meine Familie in Niedersachsen. Und ich kann es nicht erwarten zu gehen – weil ich weiß, dass ich nicht mein Leben lang am selben Ort bleiben kann. Und weil die Heimat existiert, damit man nach Hause kommen kann. Und um das zu tun, muss man sich vorher verabschieden. Also bin ich ausgeflogen und  habe neue Erinnerungen an neue Fassaden geheftet. Ich werde auf fremden Parkbänken heulen. Und unserer gemeinsamen Wohnung in Mannheim Leben einhauchen. Und nach Mannheim? Kommt Asien. Kommt Italien. Kommt wer-weiß-wo.



Und zwischendrin: Gifhorn. Zum nach Hause kommen. Zum am Schlosssee entlang flanieren. Für „Hier hatte ich  meinen allerersten Kuss“ – Erinnerungen. Mannheim: Bekannte Gesichter. Überfüllte Neckarwiese im Sommer. Die Straßenbahnlinie 5.
Was ich mir jetzt noch wünsche? Dass Margo und ich uns doch noch einig werden. Und ich sagen kann: „Die Leute sind der Ort ist die Leute“. Mit einem guten Gewissen, meine ich. Möge die Schönheit der Stadt auf die Charaktere der Menschen überschwappen. Hört auf mit aller Kraft gegen unsere eigenen Mauern zu treten. Ich will leben. Und gern zurück kommen.



… so ist und bleibt diese Stadt meine Heimat. Mein zu Hause. Und dieses Gefühl werde ich mir nicht nehmen lassen. Hoffentlich. Aber die leise Vermutung, dass ich die Distanz nutze, um mich zu distanzieren, werde ich einfach nicht los.

Leggings Only / Pullover Mango / Jacke Lesara / Schuhe Tamaris

CONVERSATION

1 Kommentare:

  1. Ich weiß zwar nicht an welches Buch du von John Green anlehnst, aber sehr toller geschriebener Text! :)
    Ein Ort ist nur so schön, wie die Erinnerungen von ihm sind. Wenn man viel reist, merkt man das besonders gut.
    Tolles Outfit übrigens !

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