OUTFIT: SEILTÄNZERIN

"Ich glaube, dass es für jeden von uns, viele Menschen gibt mit denen wir uns ein ganzes Leben vorstellen können. Aber ich glaube auch, dass es nur ganz wenige Menschen gibt ohne die wir uns kein Leben vorstellen können. 
Vielleicht kommt es genau darauf an. Nicht, darauf mit wem wir leben können. Sondern ohne wen wir nicht leben können."



Lustig. So viele bekannte Gesichter. Flüchtige Umarmungen. Schnell von hier nach da. Gedrängt stehen wir im Bus. Dicht an dicht. So viele Menschen in einem Raum. Vorlesung. Wir tuscheln. Kichern. Lesen. Recherchieren. Und ständig klingelt das Handy. Eine E-Mail nach der anderen ploppt auf.
Das war ein anstrengender Tag, denke ich. Krame den Schlüssel aus der Handtasche. Aus dem Briefkasten angle ich einige Rechnungen, hole meine Pakete bei den Nachbarn ab. „Geht’s gut soweit?“ “Wunderbar!”, rufe ich freudestrahlend. Schließe die Wohnungstür auf. Stille.


Der Zirkus ist in der Stadt!
Auf ein mal ist er da. Mit all den Waggons, die sich im Halbkreis aufgestellt haben.
Neugierige Blicke. Getuschel, wenn die Zirkusleute an der Supermarktkasse vor einem stehen.
Sie muss noch schnell einige Besorgungen tätigen. Wieder eine fremde Stadt. Und auch, wenn sie jetzt nicht im Scheinwerferlicht steht, fällt sie trotzdem auf. Weil alle anderen einander kennen.Und von einem auf den anderen Tag wird die sonst so triste Stadt verschönert durch ein rotes Zirkuszelt. Die Farbe ist bereits ein bisschen verblasst. Die leuchtenden Lettern die ZIRKUS an den dunklen Himmel schreiben, lassen das aber vergessen. Weil niemand so genau hinsieht, um zu entdecken, dass einige der zahlreichen Glühbirnen bereits seit Monaten nicht mehr leuchten.

Hereinspaziert! Hereinspaziert!Klapprige Bänke bei denen der Lack längst abgesplittert ist. Sägespäne überall. Popcorn! Und Leuchtstäbe. Aufgeregtes Kindergeschrei. Ein Clown, der durch die zerrupfte Menge schlendert. Unter der weißen Schminke tiefe Augenringe.
Plötzlich stockdunkel. Wenn man nach oben schaut, ist es, als würde man den Sternenhimmel sehen. Durchlöchert.Scheinwerfer auf die Manege gerichtet: der Zirkusdirektor. Seine tiefe Stimme erfüllt das ganze Zelt. Ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Spannung. Aufregung. Die Show beginnt! Manege frei!




Clowns und Hunde. Viele andere Tiere, die träge im Kreis laufen. Ein Kunststück. Eine Belohnung. Peitschen liegen bereit. Ponys mit albernen Kopfbedeckungen. Und Zaubertricks, die das Publikum zum Raunen und Staunen bringen. Es wird geklatscht und gebrüllt. Gekreischt und gelacht.
Sie hört die fröhlichen Kinderstimmen wie aus weiter Ferne. Gerade noch die Tickets verkauft – zu wenige mal wieder – sitzt sie jetzt vor dem verstaubten Spiegel ihres kleinen Wagons und schminkt sich die Sorgen aus dem Gesicht.

Die Show ist fast vorbei. Das Popcorn längst aufgegessen. Einige Kinder haben keine Lust mehr. Lehnen sich müde über die Absperrung. Und dann ertönt ganz sanfte Musik, die einen in den Arm nimmt und leicht wiegt. Was jetzt gleich passiert: ist magisch.
Ein einzelner Scheinwerfer ist auf den Vorhang gerichtet. Dunkelrot. Ein kleiner Spalt öffnet sich. Und das Mädchen, dass euch gerade noch die Karten in die Hand gab und einen schönen Abend wünschte, tritt hervor. Verwandelt. Niemand erkennt sie wieder. Sie glitzert und strahlt. Man kann nicht sehen, wen sie anlächelt. Sie klettert flink die schmale Leiter empor und macht den ersten Schritt – ein Fuß nach dem anderen auf das Seil. Graziös. Leichtfüßig. Elegant. Kein einziger Fehler, kein Schwanken, kein unsicheres Gesicht. Sie ist wunderschön. Springt und landet. Perfekt. Perfekt einstudiert. Sie, das Seil und die Musik – das ergibt eine Einheit. Verzaubert. Sie beendet ihren Auftritt mit einem Spagat in so vielen Metern Höhe. Lächelt. Nickt und verbeugt sich. Verschwindet wieder.


Tobender Applaus. Bewundernde Blicke, die sie kaum erkennen kann. Sie weiß das zu schätzen. Aber irgendwann verstummt der Applaus. Und dann ist sie allein.Wir aber stellen uns vor, wie sie freudestrahlend nach hinten läuft. Ihre Familie sie in den Arm nimmt. Lobt. Und alle zusammen den Abend ausklingen lassen. Feiernd. Strahlend. Glücklich. Genau so, wie in der Manege. Was für ein wunderbares Zirkusleben. Frei und glücklich. Ja, so muss es sein.Schnell schält sie sich aus dem Glitzerkleid und hofft, dass ihr Vater nicht gesehen hat, dass sie die Choreografie kurz vergessen hatte. Sie schnappt sich den Besen und wartet, bis der letzte Zuschauer das Zirkuszelt verlassen hat.Dann schminkt sie sich ab. Schaut in den Spiegel. Ihre Augen werden glasig und sie spürt, was gleich passiert. Also steht sie auf, bindet ihre Haare zusammen und geht weiter.Denn heute nacht wird sie üben. Kämpfen. Und die Hoffnung nicht verlieren.
Denn morgen muss sie wieder strahlen. Funktionieren. 




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