OUTFIT: NACH HAUSE KOMMEN

"Ich rauch nicht und ich kiff zu selten, viel trinken tue ich auch nicht, ich mach keine deine Mutter-Witze, was kann ich eigentlich?"



Ich trage diesen Duft auf, den meine Mutter mir vor fünf oder sechs Jahren das erste Mal unter den Baum gelegt hat: Parisienne. Damals war es noch mein Traum, irgendwann mal in Paris zu leben. Damals habe ich gerade mit dem Bloggen angefangen. Wollte unbedingt erwachsen werden.Ich verlasse vollbepackt das Haus. Schon auf dem Weg zur Straßenbahn reißt ausgerechnet die Schlaufe der Tüte, in der die Geschenke schaukeln. Beim türkischen Bäcker nebenan schnell ein Brötchen auf die Hand und dann mit viel zu vielen anderen Menschen ab auf die Autobahn. Nach einigen weiteren Strapazen und Streitereien mit den Angestellten der Tankstelle, treffe ich bei meiner Familie ein. Endlich sehe ich auch meine Schwester mal wieder. Das letzte Mal haben wir uns vor fast drei Monaten getroffen.
Wir fallen uns in die Arme.
Ich werde kurz melancholisch und erinnere mich daran, wie wir früher – noch viel zu klein eigentlich – immer gemeinsam an Bahnhöfen standen, Züge verpasst haben und stundenlang aus dem Fenster die endlose Landschaft beobachtet, Maumau gespielt und Wilde Hühner Bücher verschlungen haben.
Wir tauschen uns kurz aus – sie ärgert sich mit den ersten Schritten des Hausbaus herum, ich schreibe unermüdlich an meiner Masterarbeit und fürchte mich vor dem Studiumende. Der Magen knurrt.
Ich wuchte mein Gepäck und die Taschen die Wendeltreppe empor in mein altes Zimmer. Die Tüte mit den Geschenken wird immer schwerer, was vor allem daran liegt, dass ich sie tragen muss wie ein Baby – ihr wisst schon: der gerissene Henkel.
Wiedersehensfreude.
Ankunft.
Die Tage bis Weihnachten sind schnell vergangen. Wie immer: wir spielen Spiele und trinken Glühwein, obwohl keine von uns besonders viel Alkohol verträgt. Wir gehen kurz einkaufen, weil doch noch etwas fehlt. Und noch mal. Ach, Edeka hat doch bis 22 Uhr offen, sagen wir. Vergessen dabei aber, dass wir in einem Dorf angekommen sind. Wir schmücken den Baum, was sich bei 13°C irgendwie noch absurder anfühlt, als es ohnehin schon ist und ich frage mich, ob es nach 20 Jahren nicht mal an der Zeit wäre, neue Kugeln für den Baum zu kaufen. Am Ende sieht er aus, wie in jedem Jahr. Mama und ich schnippeln die Zutaten für das Raclette. Es schmeckt wie immer. Für die nächsten Tage haben wir einen Tisch im Restaurant reserviert. Niemand soll in der Küche stehen und schuften. Meine Schwester flechtet mir die Haare und streichelt mir über den Kopf, während unsere Mutter schon wieder in der Küche steht und vor sich hin murmelt, wieso sie denn den Abwasch allein machen muss. Weihnachten. Nach Hause. Dann wird es bei uns ruhig. Und manchmal auch etwas lauter.
Aber am Ende des Tages sitzen wir pappsatt und glücklich auf der schwarzen Ledercouch. Wie seit Jahren.
Es ist nicht mehr der selbe Ort. Ein paar Menschen und Tiere fehlen.
Es ist nicht mehr die selbe Haus. Aber die gleichen Möbel, die alte Geschichten erzählen.
Ich bin nicht mehr die selbe. Aber wenn ich zu Weihnachten nach Hause komme, dann ist alles wie immer. Nach Hause kommen. Und auch wenn ich schon längst rausgewachsen bin, kann ich immer und jederzeit wieder kommen und noch mal in diese Rolle schlüpfen. Das ist wie, wenn man ein altes, damals heiß geliebtes Kleidungsstück wiederfindet – man passt gerade noch so rein, ein bisschen altmodisch vielleicht, aber es fühlt sich immer noch so fabelhaft an wie früher.



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