BOOK: ATEMSCHAUKEL

"Alles, was ich habe, trage ich bei mir. Alles Meinige trage ich mit mir. Getragen hab ich alles, was ich hatte."












Über Geschmack lässt sich auch in der Literatur streiten. Manche Bücher sind aber so beliebt oder bedeutsam, dass man sie gelesen haben muss, weil sie zur Allgemeinbildung gehören oder einfach ein fester Teil der Popkultur sind. Manche Klassiker kennen wir aus der Schule und manche Romane gehören zum Kanon der Kritiker und Literaturpäpste. Thomas Mann, Günter Grass, Goethe und Schiller tauchen in den Empfehlungen der Feuilletons auf. Aber welche Bücher gehören für euch zu den wichtigsten Romanen der Literaturgeschichte? Für mich gehört Herta Müllers Atemschaukel, erschienen im Hanser Verlag, auf jeden Fall dazu. Nicht umsonst hat sie für ihr Werk den Nobelpreis für Literatur erhalten. Umso glücklicher schätze ich mich, dass ich sie im vergangenen Semester an der Uni habe lesen hören. Hier könnt ihr meine Meinung zum Roman lesen. 

Inhalt: Rumänien, Januar 1945. 'Es war 3 Uhr in der Nacht, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15 Grad.' So beginnt der erschütternde Bericht eines jungen Mannes, der in ein russisches Straflager verschleppt wird - so wie 60000 andere Rumäniendeutsche, von deren Schicksal Herta Müller in diesem ungeheuren Buch erzählt. In Gesprächen mit dem verstorbenen Dichter Oskar Pastior und anderen Überlebenden der Lager hat sie den Stoff gesammelt - und zu überwältigender Literatur geformt. 

Meinung: Mit unglaublicher Sprachvirtuosität und konzentrierter Sprachgewalt, wo der Bogen vom Traumatischen, zum Verspielten, bis hin zum Surrealen und Unverständlichen gehen kann, spüren wir etwas vom Potential und Kraft und Ausdrucksmöglichkeit dieser Autorin, die mit einer metaphorischen Sprache etwas zum Ausdruck bringt, das ich für unglaublich und außergewöhnlich halte. Sie erfindet Wörter und Satzstellungen die wir noch nie gehört haben. 
Man kann sich darüber streiten, inwiefern eine Nachkriegsverarbeitung, dessen Hintergrund, nämlich der Einmarsch der Russen in Rumänien, (fünf Monate bevor der Krieg beendet war) um Deutsche, die in Rumänien lebten, zum Wiederaufbau zu zwingen totgeschwiegen wurde, mit der unglaublichen Sprachvirtuosität und kunstvollen Verarbeitung dieser begabten Schriftstellerin zusammenpasst oder eben nicht. 
Für mich persönlich ist Herta Müller eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die sich traut und etwas wagt, etwas riskiert. Ich bin sicher, dass ihre Schrift bei einigen Menschen negativ ankommen könnte. Es gibt zum einen die Literaten, die die Kunst in ihrem besonderen Sprachausdruck sehen und zum anderen die politische Seite, für die ein Stück deutsch-rumänische Nachkriegsgeschichte, und damit ein Stück Nachkriegsverarbeitung des zweiten Weltkriegs aufgezeigt wird. 
Wer so wie ich, an der Schreibweise, der Art der Komposition und wiederholenden Schreibrhythmen interessiert ist und Lust auf das literarische Neuland einer Herta Müller hat, wird sich nach ihren anderen Werken umsehen, um sich von der Schreibkraft dieser für mich so außergewöhnlichen Schriftstellerin inspirieren zu lassen. 
Für mich ist Herta Müllers Roman ein Stück Vergangenheitsverarbeitung, in dem wir uns in einen Menschen hineinversetzen können, der die Brandmarkung eines Lageralltags erlebt hat, die inneren Beschädigungen nicht verhindern konnte, und deren Auswirkung auch viele Jahre danach nicht auszulöschen sind. Eine biographische Aufarbeitung, hinter der eine melancholische Trauer glüht, wo das Schreiben ein Schreibenmüssen, aus einer fundamentalen Ausweglosigkeit wird, wo das Sprachgenie Herta Müller genauso zu Wort kommt, wie eine gebranntmarkte Seele, die bis ins Alter an so einem Trauma leiden kann. Ein Werk  das von großer Subtilität, psychologischem Feingefühl und einer Note von surrealem Anmut verfasst wurde, hinter dessen Stimme Oskar Pastior durchzuschimmern scheint und maßgeblich am Erfolg des Romans von Herta Müller beteiligt ist. 








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