OUTFIT: FAHRERFLUCHT

"Wenn man so alt ist wie ich, dann bereut man nicht die Fehler die man gemacht hat, sondern das was man nicht gemacht hat."



Ich habe so oft Koffer zum Bahnhof getragen. Aber nie meine eigenen.
Ich habe gewunken. Bis zum Schluss am Gleis gestanden. Abschied genommen. Aber bin selbst immer zu Hause geblieben.
Ich habe gekämpft. Habe immer wieder angerufen. Konnte nicht loslassen. Wurde verlassen. Immer wieder.
Habe Briefe geschrieben, deren Zeilen nie gelesen wurden.
Geburtstagskuchen gebacken – für dich. Dessen Kerzen ich am Ende selbst ausblies. Ohne mir etwas zu wünschen.
Gute Ratschläge erteilt. Und dabei nur an dich gedacht. Ich habe dir einen Schubs gegeben, damit du endlich los fliegst. Obwohl es mir das Herz gebrochen hat, dich gehen zu lassen.
Aufopferungsvoll.
Und ihr habt genommen. Genommen. Genommen.


Und habe es die ganze Zeit über nicht bemerkt. Nicht bemerkt, dass ich bald aufgebraucht bin. Ich bin blass geworden. Habe abgenommen. Sehe müde aus. Das ist normal, habe ich gedacht. Es ist Winter und die Sonne hat schon seit einigen Tagen nicht mehr geschienen. Ich erledige alltägliche Dinge. Setze einen Fuß vor den anderen. So, wie wir alle das machen. Das muss genäht werden!, ruft mir jemand aus der Ferne zu. Ich schüttle nur sacht den Kopf. Der Schmerz wird vergehen. Es geht mir schon besser. Und alles was zurück bleibt, ist eine kleine Narbe.
Ich habe hingenommen. Gelernt mit nur einem Bein zu gehen. Das ist okay. Immerhin habe ich überlebt. Die Krücken, auf die ich mich stütze, sind noch etwas wackelig. Ich weiß nicht, ob sie dem Winter stand halten oder wir gemeinsam ausrutschen werden. Ich befürchte einiges, aber habe keine Kraft, mir darüber weiter Sorgen zu machen.
Ich eile durch die Straßen der ergrauten Stadt. Kaum ein Licht brennt in den Fenstern. Der Schnee rieselt ganz leise. Betäubt. Lässt mich bremsen. Macht mich nachdenklich. Wieder mal. Und ohne irgendeinen besonderen Grund – denke ich – steigen mir die Tränen in die Augen. Ich schlucke sie herunter.
Plötzlich entdecke ich etwas. Einen reglosen Körper. Am Ende der Straße. Und alle Menschen laufen daran vorbei. Seht ihr denn nicht? Wieso hilft denn niemand? Ich renne. Werde immer schneller. Aber der Abstand scheint sich kaum zu verringern. Meine Schritte werden größer. Habe irgendwas verloren. Mir rutscht die Mütze immer tiefer ins Gesicht. Der Schnee fliegt mir ins Gesicht. Egal. Schneller!
Bis ich – eine Querstraße weiter – den Unfallort endlich erreiche. Es ist totenstill. Hier ist niemand mehr. Ich bleibe abrupt stehen.



Ein Mädchen liegt auf der Straße. Blass. Eiskalt. Ihr Gesicht ist schneeweiß. Und überall Blut. Dunkelrot im unschuldigen Weiß. Chaos. Ich kann mir nicht erklären, was hier passiert ist. Und alles, was zurückbleibt: ist sie.
Ich renne zu ihr. Sammle ihr Hab und Gut auf. Alles irgendwie wieder zusammenflicken. Das wird schon! Aber sie regt sich nicht. Wieso habe ich im Erste Hilfe Kurs nicht besser aufgepasst? Kann sie nicht anheben. Ich schreie nach Hilfe. Ohne Echo. Mund-zu-Mund-Beatmung. Will ihr Leben einhauchen. Mein Gesicht über ihrem.
Sie öffnet die Augen. Ich atme auf. Sie bewegt ihre Hand und fährt über ihr Gesicht, als wolle sie sich mit den kleinen Fingern Tränen aus dem Gesicht wischen. „Kennst du das, wenn man nicht mal mehr Tränen übrig hat?“, fragt sie. Ich verstehe nicht. Hetze wieder umher. Panisch. „Wer war das?“, schreie ich sie an. „Wie ist das passiert? Wir müssen die Polizei rufen. Kannst du dich an das Kennzeichen erinnern?“
Keine Antwort.
„Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte.“, haucht sie. „Es fühlt sich an, als hätte mich ein Vampir gebissen. Und bis auf den letzten Tropfen alles Blut aus mir gesaugt. Gnadenlos. Und weißt du was? Ich hatte eingewilligt“, sie spricht so ruhig, so gelassen, dass es mir Angst macht.
„Kennst du das, wenn man nicht mal mehr Tränen übrig hat? Kennst du das, wenn man einfach leer ist? Unendlich leer?“, fragt sie wieder und blickt mir starr in die Augen.
Ich brauche nichts zu sagen. Und gebe auf. Sacke zusammen. Knie neben ihr. Mein Gesicht auf ihrem Bauch. Und sie streichelt mir zart übers Haar. Ich schaue sie an. Und durch meinen Tränenschleier scheint es, als wäre sie gar nicht mehr vollkommen da. Als würde sie verschwinden. Ich klammer mich fest an sie. Will ihren schmalen Körper wärmen. So zart, dass ich sie nicht halten kann. Wie Wasser rinnt sie mir durch die Finger.
Ein letzter Atemzug.
Etwas stirbt in mir.



Du hast mich zurück gelassen. Ich stand am Flughafen. Unsere Handflächen an der Fensterscheibe. Tränen. Eine verlassene Flughafentoilette.
Wir wussten, es würde ein Wiedersehen geben, aber das war ein Abschied für immer.
Du hast mich zurück gelassen. Hast an dich selbst gedacht. Und das ist okay. Aber wieso hast du all’ die Erinnerungen hier liegen gelassen?
Du hast mich zurück gelassen. Wieso hast du nie Lebe wohl!, gesagt? Ich habe geliebt, bis alles von mir aufgebraucht war.
Es tut weh, zurück zu bleiben.
Man steht da. Winkt. Und wartet. Auf Rückkehr.
Vergebens.
Fahrerflucht.

Manche Begegnungen fühlen sich an wie ein Vampirbiss. Aber vergiss nicht, sie geben dir Unendlichkeit.


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